Die neurologische Untersuchung bewertet systematisch das zentrale und periphere Nervensystem. Sie lokalisiert Läsionen, leitet die Differentialdiagnose ein und überwacht den Krankheitsverlauf durch standardisierte, reproduzierbare Komponenten.
Standardisierte Komponenten
I. Mentaler Status
- Bewusstsein (GCS), Orientierung, Aufmerksamkeit.
- Sprache: Flüssigkeit, Verständnis, Wiederholung, Benennung.
- Gedächtnis: Registrierung, unmittelbares und verzögertes Abrufen, Wiedererkennung.
- Exekutive Funktionen: Abstraktion, Set-Shifting, Urteilsvermögen.
- Stimmung/Affekt, Gedankengehalt und -prozess, Einsicht.
II. Hirnnerven (I–XII)
- I: Riechen; II: Sehschärfe, Gesichtsfeld, Fundoskopie, pupilläre Reaktionen.
- III, IV, VI: Augenbeweglichkeit, Ptosis, Pupillenreaktivität.
- V: Gesichtssensation (V1/V2/V3), Hornhautreflex, Kieferreflex.
- VII: Gesichtssymmetrie (Ober- vs. Unterface = ZNS vs. peripheres Muster).
- VIII: Hören (Weber/Rinne), vestibuläre Funktion (Nystagmus, Dix-Hallpike).
- IX, X: Gaumenhebung, Würgereflex, Stimme, Uvula-Abweichung.
- XI: Sternocleidomastoid- und Trapeziuskraft.
- XII: Zungenvorsprung, Faszikelationen, Atrophie.
III. Motorisches System
- Volumen, Tonus (Spastizität, Rigidität, Schlaffheit), Faszikelationen.
- Kraft (MRC 0–5): Schlüsselmyotome (Deltamuskel, Bizeps, Handstrecker, Griff, Hüftbeuger, Kniestrecker, Fußgelenksbeuger/-strecker).
- Funktionstests: Gang, Fersen-/Zehengang, Kniebeuge, Stuhlaufstehen.
IV. Sensibles System
- Leichte Berührung, Nadelstich (spinothalamisch), Vibration/Propriozeption (Dorsalstränge).
- Mustererkennung: Dermatomale, periphere Nerven, Strumpf-Handschuh-Verteilungen.
- Kortical: Graphästhesie, Stereognosie, Zwei-Punkt-Diskrimination, Extinktion.
V. Reflexe
- Sehnensreflexe (Bizeps, Speichenbeuger, Trizeps, Patellar, Achillessehne) graduiert 0–4+; Klonus.
- Oberflächlich: Plantar (Babinski), abdominal, Kremaster.
- Primitiv/frontale Freisetzungssignale: Greifen, Schnauze, Palmomental.
VI. Koordination und Kleinhirnfunktion
- Finger-Nase-Finger, Ferse-Knie-Schienbein, schnelle abwechselnde Bewegungen, Rückprall.
- Gang: Tandem, Romberg (Differenzierung propriozeptive vs. kleinhirnale Ataxie).
VII. Meningealzeichen
- Nackensteifigkeit, Brudzinski, Kernig, Jolt-Akzentuierung.
Ein systematischer, hypothesegeleiteter Ansatz mit gründlicher Dokumentation ermöglicht den langfristigen Vergleich und eine effektive Kommunikation unter Klinikern.