Vergrößerte Mandeln (Mandelhypertrophie) können den oropharyngealen Atemweg erheblich verengen und zu einem Spektrum von Atemstörungen führen—besonders während des Schlafs, wenn die Pharyngeal-Muskeltonus abnimmt.
Pathophysiologie
- Mandeln (palatine) + Adenoiden (pharyngeale Mandel) bilden den Waldeyer-Ring—lymphatisches Gewebe, das den Rachen umgibt
- Hypertrophie erreicht ihren Höhepunkt im Alter 3–7 (physiologisch); involviert bis zur Adoleszenz
- Wenn vergrößert, reduzieren sie den retropalatinen und retroglossalen Luftraum
- Während des Schlafs: Muskelatonie + Schwerkraft + reduzierter Atemantrieb → Kollaps am engsten Punkt
Klinisches Spektrum
- Primäres Schnarchen: Vibration weicher Gewebe; keine Gasaustauschstörung
- Obstruktive Schlafapnoe (OSA): Rezidivierende vollständige (Apnoe) oder partielle (Hypopnoe) Obstruktion → Desaturierung, Erweckung, fragmentierter Schlaf
- Pädiatrische OSA: Höhepunkt 2–8 Jahre; äußert sich durch Schnarchen, beobachtete Apnoen, ruhelosen Schlaf, Enuresis, Verhaltensprobleme (ADHS-ähnlich), Wachstumsstörung
- Erwachsene OSA: Mandelhypertrophie seltener Ursache; Adipositas, Retrognathie, weiches Gaumensegel dominieren
Schweregrad-Einstufung (Brooks/Friedman)
- Grad 0: Mandeln innerhalb der Mandelfossa
- Grad 1: Knapp außerhalb der Fossa
- Grad 2: Bis zum Zäpfchen
- Grad 3: Über das Zäpfchen hinaus
- Grad 4: Berühren sich in der Mittelinie (küssende Mandeln)
Komplikationen schwerer Obstruktion
- Akute Atemwegskomplikation: Selten; postinfektiöses Ödem (Peritonsillarabszess, infektiöse Mononukleose) + Sedierung/Anästhesie
- Cor pulmonale: Chronische Hypoxämie → Lungenhochdruck → Rechtsherzinsuffizienz (unbehandelte schwere pädiatrische OSA)
- Neurokognitiv: Exekutivfunktionsstörung, Lernschwierigkeiten, Verhaltensprobleme
- Kardiovaskulär: Hypertonie, Endothelienfunktionsstörung (langfristig)
Management
- Abwartendes Beobachten: Leichte, asymptomatische Hypertrophie bei kleinen Kindern (kann zurückbilden)
- Medizinisch: Intranasale Kortikosteroide (Adenoidenhypertrophie), Leukotrien-Modifikatoren, Allergiekontrolle
- Adeno-Tonsillektomie: Erstlinienbehandlung für pädiatrische OSA (Heilungsrate ~80–90 %); indiziert bei Grad 3–4 + Symptome, PFR >5 oder Versagen der medizinischen Therapie
- CPAP: Wenn Operation kontraindiziert, restliche OSA postoperativ oder bei Erwachsenen
- Gewichtsabnahme: Zusatzmaßnahme für adipöse Patienten
Warnsignale für dringende HNO-Überweisung
- Stridor, schwere Einziehungen, Zyanose, Unfähigkeit, Sekrete zu handhaben
- Verdacht auf Peritonsillarabszess (Trismus, Zäpfchenabweichung, „heiße Kartoffel“-Stimme)
- Wachstumsstörung + OSA-Symptome
Mandelhypertrophie ist die führende Ursache für pädiatrische OSA. Zeitnahe Erkennung und Behandlung verhindern neurokognitive und kardiovaskuläre Folgeschäden.