Trichotillomanie (Haar-Zupf-Störung) ist im DSM-5 unter Zwangsstörungen und verwandten Störungen klassifiziert. Sie beinhaltet das wiederholte Zupfen der eigenen Haare, was zu auffälligem Haarausfall führt, begleitet von erheblichem Leidensdruck oder funktioneller Beeinträchtigung.
DSM-5-Diagnosekriterien
- Wiederholtes Herauszupfen der eigenen Haare, resultierend in Haarausfall.
- Wiederholte Versuche, das Zupfen zu verringern oder zu stoppen.
- Klinisch signifikanter Leidensdruck oder Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen.
- Nicht auf eine andere medizinische Erkrankung zurückzuführen (z. B. dermatologische Störung, Alopezie areata).
- Nicht besser durch eine andere psychische Störung erklärt (z. B. Körperdysmorphie, Psychose).
Klinische Merkmale
- Häufige Stellen: Kopfhaut (am häufigsten), Augenbrauen, Wimpern, Schamgegend, Perianalregion, Bart, Gliedmaßen.
- Zupfstile: Fokussiert (ritualistisch, Spannungslinderung) versus automatisch (unbewusst, bei sitzenden Aktivitäten).
- Begleitverhalten: Haarwurzel untersuchen, Wurzelessen (Trichophagie, das zu Trichobezoaren führen kann), taktile Rituale.
- Komorbiditäten: OCD, Angststörungen, Depression, andere körperbezogene repetitive Verhaltensweisen (Hautpicken, Nagelkauen), Tic-Störungen.
Verlauf und Prognose
- Beginn: Typischerweise Kindheit oder Adoleszenz (Höhepunkt 10–13 Jahre), kann aber in jedem Alter beginnen.
- Verlauf: Chronisch, schwankend; kann ohne Behandlung lebenslang anhalten.
- Spontane Remission: Bei Erwachsenen selten; häufiger bei kleinen Kindern.
- Schlechtere Prognosefaktoren: Früherer Beginn, längere Dauer, komorbide OCD, automatischer Zupfstil.
Evidenzbasierte Behandlung
Erstwahl: Kognitive Verhaltenstherapie (CBT)
- Habit Reversal Training (HRT): Kernkomponente – Bewusstseinstraining, konkurrierende Reaktion (z. B. Faustballen), soziale Unterstützung und Stimuluskontrolle.
- Comprehensive Behavioral (ComB) Modell: Bewertet SCAMP-Domänen (Sensorisch, Kognitiv, Affektiv, Motorisch, Ort), um Interventionen anzupassen.
- Akzeptanz- & Commitment-Therapie (ACT): Baut psychologische Flexibilität und „Urge-Surfing“-Fähigkeiten auf.
- DBT-Fähigkeiten: Belastungstoleranz und Emotionsregulation Module.
Pharmakotherapie (Zusatz oder Monotherapie, wenn CBT nicht verfügbar)
- N-Acetylcystein (NAC): 1200–2400 mg/Tag; stärkste RCT-Evidenz zur Reduzierung von Drang und Zupfen (Glutamat-Modulation).
- SSRIs: Fluoxetin, Sertralin – bescheidener Nutzen; primär nützlich für komorbide Angst/Depression.
- Clomipramin: Trizyklisch mit serotonergen Effekten; einige unterstützende Evidenz.
- Olanzapin: Niedrig dosiert; begrenzte RCT-Daten.
- Naltrexon: Opioidantagonist; Fallberichte bei Trichophagie.
Selbstmanagement-Strategien
- Barrieremethoden: Handschuhe, Hüte, Verbände, strukturierte Fidgets.
- Stimuluskontrolle: Spiegel entfernen, Beleuchtung modifizieren, „Zupfstationen“ vermeiden.
- Stressmanagement: Achtsamkeit, progressive Muskelentspannung.
- Haarpflege: Conditioner, Kopfhautmassage, um sensorische Trigger zu reduzieren.
- Selbsthilfegruppen: TLC Foundation for BFRBs (bfrb.org).
Wann Sie überweisen sollten
Schwerer Haarausfall, Trichobezoar (Bauchschmerzen, Übelkeit), signifikante funktionelle Beeinträchtigung, komorbide Psychose oder therapieresistent nach 12–16 CBT-Sitzungen.