Mehrere neurologische Erkrankungen können motorische Beeinträchtigungen hervorrufen, die an Zerebralparese (CP) erinnern. Eine genaue Differenzierung ist entscheidend, da viele davon behandelbar sind oder unterschiedliche Prognosen haben.
Wichtige Differentialdiagnosen
Infektiös/Entzündlich
- Meningitis: Bakterielle oder virale Infektion der Hirnhäuten → Krampfanfälle, Entwicklungsverzögerung, Spastik, Hirnnervenlähmungen. Akuter Beginn mit Fieber, Nackensteifigkeit.
- Enzephalitis: Infektion des Hirnparenchyms (z. B. HSV, Enterovirus) → ähnliche motorische/kognitive Defizite. Kann auf einen viralen Prodrom folgen.
- ZNS-Abszess oder -Granulom: Fokaler Masseneffekt mit Hemiparese.
Vaskulär
- Perinataler Schlaganfall: Arterielle ischämische Schlaganfall oder Sinusvenenthrombose → hemiplegisches CP-Phänotyp. Oft retrospektiv diagnostiziert.
- Intrakranielle Blutung: Keimzellmatrixblutung (Frühgeborene) → spastische Diplegie/Hemiplegie.
Traumatisch
- Nicht-accidentelles Trauma / missbräuchliches Kopf-Hirn-Trauma: Subduralblutung, diffuses Axonal-Trauma → motorische Verzögerung, Spastik, Krampfanfälle.
Metabolisch/Genetisch
- Mitochondriale Störungen: Leigh-Syndrom, MELAS → progrediente Enzephalopathie, Dystonie, Ataxie.
- Harnstoffzyklusstörungen, Organämien: Episodische Hyperämmonämie → neurologischer Rückgang.
- Leukodystrophien: Metachromatische Leukodystrophie, Morbus Krabbe → progrediente Spastik, kognitiver Abbau.
- Erbliche spastische Paraplegien (HSP): Reine oder komplexe Spastik, oft späterer Beginn.
- Dopa-responsible Dystonie (Segawa-Syndrom): Tagesschwankung, dramatisches Ansprechen auf Levodopa.
Genetische Syndrome mit CP-ähnlichen Merkmalen
- Rett-Syndrom (MECP2), Angelman-Syndrom, Fragiles X, chromosomale Mikrodeletionen.
Toxisch/Umweltbedingt
- Kernikterus (Bilirubin-Enzephalopathie) → Choreoathetose, Hörverlust, Blickparese.
- Schwermetallvergiftung (Blei, Quecksilber).
Diagnostischer Ansatz
- Detaillierte pränatale/perinatale Anamnese
- Neuroimaging (MRT Gehirn/Rückenmark)
- Metabolisches Screening (Laktat, Ammoniak, Aminosäuren, Acylcarnitine)
- Genetische Tests (chromosomales Mikroarray, gezielte Panels, Exom-Sequenzierung)
- EEG bei Verdacht auf Krampfanfälle
Eine frühe Differenzierung ermöglicht krankheitsspezifische Therapien (z. B. Levodopa bei dopa-responsiver Dystonie, Immunsuppression bei autoimmuner Enzephalitis, metabolische Diät) und genaue genetische Beratung.