Der Plexus brachialis ist ein Nervennetzwerk (C5–T1), das vom Rückenmark ausgeht, durch Hals, Achselhöhle und in den Arm verläuft und die motorische und sensorische Funktion der oberen Extremität steuert. Verletzung dieses Netzwerks – Plexusparalis – verursacht Schwäche, Lähmung und sensorischen Verlust mit tiefgreifender funktioneller Auswirkung.
Ätiologie
- Geburtsstrauma (Neonatale BPP): 1–3/1000 Lebendgeburten. Schulterdystokie → Stauchverletzung (Erb-Palsy: C5–C6; Klumpke: C8–T1; Total: C5–T1).
- Trauma (Erwachsene): Motorrad-/Fahrradunfälle (Zug), Autounfälle, Stürze, Stichwunden, Schusswunden.
- Iatrogen: Zentrale Venenzugangsplatzierung (Subclavian), erste Rippenresektion, Halsdissektion.
- Tumoren: Pancoast-Tumor (Lungenapex), Neurofibrom, Schwannom, Metastasen.
- Strahlungsinduziert: Verzögert (Monate–Jahre) Fibrose nach Brust-/Hals-RT.
- Entzündlich/immun: Parsonage-Turner-Syndrom (neuralgische Amyotrophie) – akute schwere Schulterschmerzen gefolgt von fleckiger Schwäche.
Klinisches Erscheinungsbild
- Schwäche/Lähmung in spezifischen Myotomen (z. B. C5–C6: Schulterabduktion, Ellenbogenbeugung, Außenrotation).
- Sensorischer Verlust in entsprechenden Dermatomen.
- Verminderte/fehlende Reflexe (Bizeps, Brachioradialis, Trizeps).
- Schmerz (neuropathisch, oft schwer bei traumatisch/radikulär).
- Horner-Syndrom (Ptosis, Miosis, Anhidrose) → deutet auf präreinnervale (Wurzel) Avulsion hin (T1).
- Scapula alata (N. thoracicus longus/C5–C7).
Diagnostische Abklärung
- EMG/NCS (3–4 Wochen post Verletzung): Lokalisiert Läsion, unterscheidet präreinnerval vs. postränerval, bewertet Schweregrad, Reinnervation.
- MRT (T2-gewichtet, STIR, DTI): Visualisiert Wurzelavulsionen (Pseudomeningozele), Plexusmorphologie, Tumoren.
- CT-Myelographie: Goldstandard für Wurzelavulsion (wenn MRT unklar).
- Bildgebung bei Trauma: Röntgen Thorax (erste Rippe, Pneumothorax), CT-Angiogramm (Gefäßverletzung).
Management
Neonatale BPP
- Frühe PT: Passives ROM, Kontrakturvermeidung, Elternschulung.
- Chirurgische Überweisung nach 3–6 Monaten bei keinem Wiederaufleben (Bizepsfunktion). Optionen: Neurolyse, Nerventransplantate, Nerventransfers (Oberlin, N. accessorius → N. suprascapularis), freier Muskeltransfer (spät).
- Erholung: ~70 % spontan (Erb); Gesamtplexus schlechter.
Erwachsenen-Trauma
- Frühe Exploration (3–6 Monate) bei Wurzelavulsionen, scharfen Transektionen, kein klinischer/EMG-Aufbau.
- Nerventransplantate (Suralis), Nerventransfers (doppelter Faszikel für Ellenbogenbeugung, N. accessorius → N. suprascapularis für Schulterabduktion).
- Späte Rekonstruktion: Sehnenübertragungen, freier funktioneller Muskeltransfer (Gracilis).
Nicht-traumatisch (Parsonage-Turner, Strahlung)
- Schmerzmanagement (neuropathische Mittel), PT, Zeit. Operation selten indiziert.
Prognosefaktoren
- Verletzungstyp (Avulsion am schlechtesten, Stauchung am besten)
- Zeit bis zur Intervention
- Alter (jünger besser)
- Level (proximal schlechter)
- Vollständigkeit
Plexusverletzungen erfordern dringende, multidisziplinäre Bewertung (Neurochirurgie, Neurologie, PM&R, PT/OT, Schmerz). Frühe Überweisung an ein peripheres Nervenzentrum maximiert rekonstruktive Optionen.