Veränderter Bewusstseinszustand (AMS) durch jede Ursache – Trauma, Überdosis, Schlaganfall, Sepsis, metabolische Entgleisung – beeinträchtigt den Atemwegsschutz. Das Versagen, die Atemwege zu sichern, ist eine führende vermeidbare Todesursache.
Atemwegsbedrohungen bei AMS
- Verlust der Pharyngealtonus → Zunge/Epiglottis-Obstruktion
Deprimierter Atemantrieb → Hypoventilation, Hyperkapnie, Hypoxie | - Beeinträchtigter Würg-/Hustenreflex → Aspiration von Sekreten, Blut, Mageninhalt
- Krampfanfälle, Agitation → dynamische Obstruktion
Schrittweiser Management-Algorithmus
1. Assessment (Schauen, Hören, Fühlen): Atemwegspassage, Atemfrequenz/-anstrengung, SpO₂, ETCO₂, GCS.
2. Basismanöver:
- Kopfüberstreckung/Kinnheben (kein Trauma) oder Kieferdrücker (Trauma)
- Oropharyngealer Atemwegskanälchen (OPA) bei Bewusstlosigkeit, kein Würgregelflex
- Nasopharyngealer Atemwegskanälchen (NPA) bei halbem Bewusstsein mit intaktem Würgreflex
- Absaugung von Sekreten, Blut, Erbrochenem
3. Oxygenierung: Hochfluss-O₂ über Nicht-Rebreather-Maske (15 L/min) → Ziel SpO₂ ≥94 % (88–92 % bei COPD).
4. Beatmungsunterstützung:
- Beatmungsbeutel-Maske (BVM) mit PEEP-Ventil bei Apnoe oder unzureichender Atmung
- Zwei-Personen-Technik: eine Person hält die Maske dicht, eine drückt den Beutel
5. Definitiver Atemweg (Indikationen: GCS ≤8, Unfähigkeit, Atemwege zu schützen, refraktäre Hypoxie/Hyperkapnie, erwartete Verschlechterung):
- Rapid Sequence Intubation (RSI): Induktion (Ketamin, Etomidat) + Paralytikum (Succinylcholin, Rocuronium) → Endotracheale Intubation. Videolaryngoskopie ist der First-Pass-Standard.
- Difficult Airway Algorithm: VL → Bougie → Supraglottisch (i-gel, LMA) → chirurgische Krillotomie (letzte Option).
6. Post-Intubation: Platzierung bestätigen (ETCO₂-Wellenform, beidseitige Atemgeräusche, Röntgen Thorax), Schlauch sichern, Sedierung/Analgesie, Beatmungseinstellungen, Magenentleerung.
Besondere Überlegungen
- Trauma: Halswirbelsäulen-Immobilisation, Kieferdrücker, Nasal vermeiden bei Schädelbasisbruch.
- Überdosis: Naloxon (Opioide), Flumazenil (Benzodiazepine – Vorsicht Krampfanfallsrisiko).
- Schwangerschaft: Erhöhtes schwieriges Atemweg-Risiko; RSI mit Cricodruck (kontrovers), kleinere ETT (6,5–7,0).
- Pädiatrie: Größenadäquate Ausrüstung, manschettene Schläuche Standard, Atropin-Premedikation (kontrovers).
Kernprinzip
Antizipieren, vorbereiten, entschlossen handeln. „Atemwege vor Atmung vor Kreislauf“ – aber bei AMS sind die Atemwege die Priorität.