Morbus Bechterew (AS) – radiografische axiale Spondyloarthritis – ist eine chronisch entzündliche Erkrankung, die neue Knochenbildung (Syndesmophyten) und letztendlich eine Wirbelsäulenversteifung antreibt. Das Fortschreiten ist heterogen, folgt aber erkennbaren Mustern.
Radiografische Einteilung (modifiziert New York / mSASSS)
- Stadium 1 – Frühe axiale Entzündung: Sakroiliitis (einseitig/beidseitig) auf Röntgen/MRI; symptomatisch: entzündlicher Rückenschmerz (nächtlich, bessert sich bei Aktivität, Morgensteifigkeit >30 Min). Enthesitis (Achillessehne, Plantarfaszie), periphere Arthritis, Uveitis (25–30 %).
- Stadium 2 – Strukturelles Fortschreiten: Syndesmophyten (vertikale Verknöcherung am Anulus fibrosus) → Entwicklung der „Bambuswirbelsäule“. Verquaderung der Wirbel, glänzende Ecken (Romanus-Läsionen). Verminderte Wirbelsäulenbeweglichkeit (Schober-Test, Brustkorbausdehnung).
- Stadium 3 – Fortgeschrittene Ankylose: Überbrückende Syndesmophyten über mehrere Segmente → feste Kyphose, zervikale Hyperlordose als Kompensation. Risiko: Wirbelsäulenfrakturen (oft verzögerte Diagnose), Cauda-equina-Syndrom, restriktive Lungenerkrankung (Kostenwurzelverschmelzung), Aortitis/Leitungsstörungen.
Extraartikuläre Manifestationen (jedes Stadium)
- Akute vordere Uveitis (AAU) – Lichtempfindlichkeit, Schmerz, Verschwommen; HLA-B27-positiv
- Morbus Crohn/Colitis ulcerosa (IBD) – 5–10 % klinisch, 50 % subklinische Darmentzündung
- Psoriasis – 10–15 %
- Müdigkeit (entzündlich + Schlafstörung), Gewichtsverlust, leichtes Fieber
- Osteoporose/Wirbelkörperfrakturen (auch früh)
Modernes Paradigma: Treat-to-Target (ASAS-EULAR)
- Ziel: Inaktive Krankheit (ASDAS <1,3) oder niedrige Krankheitsaktivität (ASDAS <2,1).
- NSAR erstlinie (kontinuierlich > bei Bedarf verlangsamt radiografisches Fortschreiten).
- TNFi, IL-17i (Sekukinumab, Ixekizumab), JAKi (Upadacitinib) bei NSAR-Versagen.
- Physiotherapie täglich: Wirbelsäulenstreckung, Brustkorbausdehnung, Haltung, Hydrotherapie.
- Raucherentwöhnung – stärkster modifizierbarer Fortschrittsfaktor.
Frühzeitige Rheumatologenüberweisung + MRT Sakroiliakalgelenk (STIR/T1) + HLA-B27 + CRP/ESR = diagnostische Sicherheit. Verzögerte Diagnose durchschnittlich 7–10 Jahre – die Lücke schließen.